03.03.07

Auch Arbeitslose können viel bewegen

"Es gibt viele Gründe, die den sozialen Abstieg auslösen können. Ob wegen des Verlustes der Arbeit, einer plötzlichen Krankheit oder Scheidung - da lebt man schnell am Existenzminimum", so Horst Schmiele.

Von Adrienne Kömmler

"Es gibt viele Gründe, die den sozialen Abstieg auslösen können. Ob wegen des Verlustes der Arbeit, einer plötzlichen Krankheit oder Scheidung - da lebt man schnell am Existenzminimum", so Horst Schmiele. In seinem Kiez in Wedding sind solche Schicksale nicht selten.

Auch aus eigener Erfahrung heraus weiß der 53-Jährige, wovon er spricht. Wie seine Ehefrau Sabine verlor er den Job und fasste beruflich nicht mehr Fuß. Doch resignieren wollten beide nicht. Und so gründeten Sabine und Horst Schmiele vor knapp zweieinhalb Jahren den Verein "Menschen helfen Menschen in & um Berlin" e.V. (MHM). Nicht als Konkurrent, sondern als Lückenschließer zwischen "Berliner Tafel und deren kirchlicher Aktion Laib und Seele" versteht das Paar den Verein, der mit nur 24 Mitgliedern, Ehrenamtlichen sowie Ein-Euro-Kräften so einiges auf die Beine stellt.

Insgesamt etwa 2000 Familien versorgt MHM pro Monat mit Lebensmitteln, die der Fruchthof oder Supermärkte - derzeit vor allem berlinweite Discounter-Filialen von Kaufland, Lidl und Real - wegen des ablaufenden Verbrauchsdatums oder aus anderen Gründen ausrangieren. Vereinsmitglieder oder Helfer holen die Ware ab und sammeln sie in einem Lager an der Wittenauer Straße in Reinickendorf.

In der ehemaligen Eisengießerei hat der Verein eine etwa 70 Quadratmeter große Halle gemietet, wo vor allem Obst und Gemüse aussortiert und zwischengelagert wird. Blumenkohl, Kartoffeln, Äpfel, Apfelsinen, Tomaten oder auch mal eine Stange Lauch landen später in Tüten, die Vereinsmitarbeiter packen. Jeweils etwa sechs Kilogramm pro Tüte kommen dabei zusammen, die jeweils im Zweier-Pack für 1,50 Euro an Wartende verteilt werden, die ihre Bedürftigkeit nachweisen müssen. "Wir sind allerdings kein Schlaraffenland. Klar, gibt es beim Obst auch mal eine Stelle, die weggeschnitten werden muss. Doch es ist grundsätzlich essbar und hilft den Leuten, mit wenig Geld über die Runden zu kommen", erklärt Sabine Schmiele, die seit fünf Jahren auch für die Berliner Tafel fährt und dort bereits Erfahrungen sammelte. Zusätzlich werden Brot und nach Angebot Wurst und Eier oder sogar Schokolade und Negerküsse verteilt.

Die Ausgabe erfolgt - anders als etwa bei der Berliner Tafel - in der Mehrzahl mobil aus dem Transporter heraus, der zu bestimmten Zeiten auf dem Franz-Neumann-Platz oder vor einer Kita an der Wittenauer Straße (beides Reinickendorf) sowie am U-Bahnhof Hellersdorf parkt (siehe unten).

Besonders stolz ist der Verein darauf, dass inzwischen bereits auch zwei feste Räumlichkeiten zu seinen Adressen gehören.

Seit April 2006 nutzt er Räume des ehemaligen "alkoholfreien Kieztreffs" an der Koloniestraße 120 in Wedding. Für die zwei insgesamt 44 Quadratmeter großen Räume muss der MHM an den Vermieter Degewo lediglich Betriebskosten zahlen. Nicht nur die Lebensmittelausgabe, sondern auch die günstige Abgabe von Kleiderspenden ist damit möglich.

Zurzeit noch im Ausbau ist der künftige Hauptsitz an der Lichtenberger Welsestraße 58. Zwei der insgesamt 12 Räume sind bereits fertig. Bis spätestens Ende März sollen weitere Zimmer des 350 Quadratmeter großen Domizils, das der Verein ebenfalls nur gegen Zahlung der Betriebskosten nutzen darf, hergerichtet sein.

Viel Eigenarbeit braucht es noch, ehe weitere Pläne wie etwa die für Kinder aus dem Welse-Kiez realisiert werden können. Vorgesehen ist "Kohldampf" - ein kaltes Büffet, das Anlaufpunkt für junge Kiezbewohner werden soll. Auch eine Hausaufgabenhilfe, die MHM in Kooperation mit dem Hohenschönhausener Verein "Ambulante Versorgung" e.V. organisieren will, halten Horst und Sabine Schmiele, die selbst zwei Enkelkinder im Alter von sechs und acht Jahren haben, für wichtig.

Generell soll es eine Vernetzung mit anderen Vereinen geben, um zusätzlich Angebote realisieren zu können. Hilfe kommt inzwischen von vielen Seiten. Horst Schmiele: "Filialleiter der Supermärkte rufen uns an, wenn etwas abzuholen ist." Die zwei MHM-Kleintransporter sponserte Dieter Grothe, Chef der Lkw-Waschanlage vom Großmarkt Beusselstraße. Beim Ausbau der Lichtenberger Räume kam bereits spontan die Ankündigung einer Rudower Berufsschule, die Renovierungsarbeiten im Rahmen ihrer Ausbildung unterstützen will.

Obwohl allein bei diesem Projekt noch viel Arbeit anliegt, plant der Verein bereits weiter. Ähnlich wie in Lichtenberg soll auch in Wedding ein Standbein der Vereinsarbeit entstehen. Sabine Schmiele holt tief Luft. Die 50-Jährige wirkt sehr energiegeladen als sie sagt: "Selbst wenn man arbeitslos ist, kann man viel bewegen - wenn man sich bewegt."

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